Wenn der Synthie zu Beginn von "Anymore" wie beim Hochstarten einer Maschine grummelt, machen Alison Goldfrapp und Will Gregory gleich klar, dass das Duo das Licht ausschaltet und den Spot wieder auf die Discokugel richtet. Vergleiche mit den elektronischen Alben "Black Cherry" und "Supernature" drängen sich auf, laufen aber weitgehend ins Leere.
Die Songs auf "Silver Eye" erfahren, bewusst oder unbewusst, eine Zweiteilung. Die eine Kategorie füllen Tracks wie die Vorabsingles "Anymore" und "Ocean", die andere wiederum steht für die balladeske Seite. Das ebenfalls im Vorfeld zu hörende "Moon In Your Mouth" exerziert dies beispielhaft vor.
Die Milchmädchenrechnung "Balladen plus Tanzbares ergeben ein neues Goldfrapp-Album" wäre aber zu einfach. Vielmehr vermengen die Sängerin und ihr Soundtüftler ihre Ideen zu einem herzhaften Konglomerat, das in seiner Einheit und Kompaktheit zu den drei besten Alben der Bandgeschichte zählt. Die Hinzunahme externer Ideengeber (unter anderem The Haxan Cloak) macht sich im völlig homogenen Soundkostüm nicht wirklich bemerkbar. Zwar hört man schon, dass es etwas derber knarzt ("Become The One") oder ungewohnte Texturen zum Einsatz kommen. Die von außen einfließenden Ideen gehen aber zu hundert Prozent im Sound auf, und der hat sich gewaschen.
Manchmal wünscht man sich ja einen Kopfhörerverstärker an die Hand. Zum Beispiel bei "Systemagic". Zuerst ertönt ein Intro, das genauso gut Marschmusik à la Rammstein ankündigen könnte. Wenn Alison aber die Zeilen "Take a ride, light the sky" intoniert und daraufhin eine unfassbar geile Bass-Innenohrmassage vonstatten geht, ist sie wieder da, diese nach vorne schiebende Unwiderstehlichkeit der Goldfrapp'schen Elektronik, mit der sie auf jedem Dancefloor im Nu einen Komplettabriss veranstalten. "Silver Eye" ist mit Abstand das Album der beiden, das am lautesten gehört werden will.
Auch sehr beachtenswert: das famose "Become The One". Alison ließ sich von der Doku "My Transgender Summer Camp" inspirieren. Die Aussage eines Transgender-Mädchens "I'm not changing who I am, I am becoming who I am" übersetzt Alison in Slogan-artige Textversatzstücke, die sie dem Hörer mit verzerrter Stimme hinwirft. Diese Schlagworte kulminieren in ein supersonisches "Become the one, become the one, you know you are".
Auch wenn der elektronische Faktor dominiert, klingt "Silver Eye" in seiner Gänze überaus idyllisch und warm. Mechanische Sounds erzeugen eine natürliche Atmosphäre. Das spiegelt sich im Video zu "Anymore" wider, das auf Fuerteventura entstand. Diesen Eindruck setzen auch die ruhigeren Stücke wie "Faux Suede Drifter" fort, in dem Alison die sehnsüchtig schmachtende Diva mimt.
Das Sahnehäubchen der zurückgenommenen Song-Fraktion heißt "Zodiac Black". Die Stimmung schimmert irgendwo zwischen einer eingängigen Björk und dem Drama und Pathos einer Kate Bush hin und her. Auch hier bereitet Will Gregory seiner Sängerin einen Sound, auf dem diese mit hauchender, säuselnder und flehender Vokalakrobatik eine Pirouette nach der anderen dreht.
Fast schon apokalyptisch steigert sich das Duo in die klangliche Ekstase hinein. Mystisch, dunkel. Düster. Dagegen klingt das mit einem stolpernden Rhythmus versehene "Beast That Never Was" im Anschluss beinahe optimistisch und fröhlich. "Everything Is Never Enough" mit, Obacht, analog klingenden Schlagzeug-Patterns zieht gegen Ende des Albums das Tempo noch einmal an, ehe "Ocean" den knarzigen Abschluss markiert.
Mit "Silver Eye" fügen Goldfrapp ihrer jetzt schon absolut hochwertigen Diskografie ein weiteres Klasse-Album hinzu. Ausfälle gibt es nicht zu verzeichnen. Ganz im Gegenteil: Die Art, wie sich die zwei partner in crime jedesmal wieder neu erfinden, ist erstaunlich.
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